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Wendung gaben. Mir aber wollte immer scheinen, als ob dadurch die Schwierigkeit erst vorbereitet, nicht gelöst wäre. – Wie kann dem Minnesinger die ideale und übersinnliche Liebe zur Frau durch einen Aristoteles eingegeben werden, oder durch Plato, der vom Weib so nieder dachte? Wie durch den heiligen Franz oder Bonaventura, der die Gottesliebe über alles stellt, oder gar durch Thomas von Aquino, der an seinem gewaltigen philosophisch-theologischen Dome auch nicht den schmalsten Baustein übrig lief für einen Altar, auf dem man das Weib hätte vergöttern dürfen? All diese Philosophen und Theologen mußten einen verständnisvollen Jünger doch geraden Weges abführen vom weiblichen Ideal. Solche Zweifel und Einwürfe erhoben sich mir jedesmal lebendiger und eindringlicher, wann ich an die italienische Lyrik des ausgehenden 13. Jahrhunderts herantrat. Selbst das eben erschienene Buch von Liborio Azzolina (il „dolce stil nuovo“, Palermo 1903), das mir leider erst zu Händen kam, als meine Arbeit in der Hauptsache vollendet war, hätte mir diese Fragen schwerlich ganz gelöst. Nicht etwa daß ich Azzolinas Auffassung für irrig, sein Verfahren für verfehlt hielte. Im Gegenteil, seine feinsinnigen historischen und ästhetischen Analysen kamen mir um so gelegener, als sie in den wichtigsten Punkten meine eigene Untersuchung bestätigten und ergänzten, an anderen Stellen aber, wo ich nicht beistimmen kann, gerade durch ihren Widerspruch mir selbst zu größerer Klarheit verhalfen. – Aber die Fragestellung Azzolinas ist eine andere: vor allem eine mehrseitige und kompliziertere, indem er nicht bloß den philosophischen, sondern auch den literarischen Elementen im „stil nuovo“ nachspürt, dann aber auch eine andersseitige, indem er von den gegebenen Erzeugnissen jener Dichtung ausgehend zurückweist nach ihren Quellen, nach ihren antecedenti. Demgegenüber glaubte ich, um eine bündige Antwort auf die obigen Fragen zu erhalten, das Augenmerk ausschließlich auf den philosophischen Gehalt beschränken zu müssen, und von den zerstreuten Quellen aus die Strömungen schrittweise nach vorwärts verfolgen zu sollen bis an den Punkt, wo sie im „dolce stil nuovo“ zusammenfließen. Azzolinas Verfahren ist eher analytisch, das meinige eher synthetisch. Möge es mir gelungen sein, auf dem neuen Wege einige Aussichtspunkte gewonnen zu haben, die auch anderen als nur mir beachtenswert erscheinen.

Es ist mir ein Bedürfnis, die folgenden Blätter demjenigen Manne als Zeichen meiner verspäteten, aber darum nicht weniger aufrichtigen Dankbarkeit darzubringen, der mich in das Studium der mittelalterlichen Literatur Italiens einführte, der mir mit seinem Wort und mit seinen Schriften so manchen Zweifel gelöst hat. Und, was ich ihm noch höher anrechnen muß: er hat mich an Dingen zweifeln gelehrt, die schon für ausgemachte Tatsachen galten, und an welchen es in unserer Wissenschaft nicht mehr üblich war zu rütteln. Wenn auch mir nun diese seine skeptische Art, an allen Orten noch Probleme zu wittern, einigermaßen zur Gewohnheit wurde, und wenn ich infolgedessen mit der vorliegenden Studie nur eine offene Türe sollte eingestoken haben (wie die Italiener sagen) nun gut, so darf ich in gewissem Sinne auch meinem hoch verehrten Lehrer die Mitschuld geben. Die vielen nützlichen Arbeiten, die er selbst geleistet und veranlaßt bat, verschaffen ihm Kredit genug, jetzt auch einmal eine überflüssige Schrift auf seine Rechnung zu nehmen.

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Heidelberg, 20. Juli 1903.

Karl Voßler.

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Die Worte, mit denen ich einen kleinen Aufsatz über „Weltgeschichte und Politik in der italienischen Dichtung vor Dante" 1 eröffnete, bieten sich mir auch hier wieder: „Die letzte und die bewegteste Epoche des Mittelalters beginnt bald nach dem Jahr 1200. Zwei große Probleme sind es, die nun vor Tagesanbruch der Renaissance noch zum Austrag kommen müssen: die Frage zwischen Staat und Kirche, zwischen Kaiser und Papst, und im Reich des Gedankens die Frage zwischen Dogma und Aristoteles, zwischen Glauben und Wissen. Beide Male behielt die Kirche recht: das hochgesinnte Geschlecht der schwäbischen Kaiser erlag, und genau zur selben Zeit wurde die griechisch-arabische Philosophie durch Thomas von Aquino in katholische Fesseln geschlagen.“

Von der ganzen stürmischen Gedankenwelt, die diesen großen Doppelkampf begleitet, vernimmt man in der italienischen Dichtung vor Dantes Auftreten kaum einen fernen Widerhall.“

Nachdem es uns aber, wie ich hoffe, gelungen ist, aus der politischen Dichtung des 13. Jahrhunderts, trotz ihrer Spärlichkeit, ein ungefähres Bild vom damaligen Stand des bürgerlichen Gewissens zu formen, darf man

1 Kochs Studien zur vergl. Literaturgeschichte, Berlin 1903, HII, S. 129 ff.

Voßler, Philosophische Quellen.

1

erwarten, daß auch die Lage des philosophischen Gewissens in der italienischen Dichtung jener Zeit sich wiedererkennen lasse. Die Quellen fließen uns hier sogar viel reichlicher, als es dort der Fall war; denn kaum dürfte eine Dichtung, sei sie lyrischer, didaktischer oder epischer Art, so unbedeutend, so zufällig und nebensächlich erscheinen, daß nicht ein gewisser Tenor und Habitus der Weltanschauung, ein leiser, unbewußter, philosophischer Pulsschlag in ihr lebte.

Selbst die Liebesdichtung der , Sizilianer", selbst diese schablonenhafte Schulpoesie, wird von einem jungen Hauche aufklärerischen Geistes umweht. Und wenn man uns einwendet, daß hier alles nur eitel Nachahmung des provenzalischen Minnesangs sei, so läßt sich erwidern: Wie hätten je die Sizilianer Lust zu solcher Nachahmung bekommen, wenn sie sich nicht zuvor in einer ähnlichen Verfassung des Geistes und des Gemüts befanden wie ihre Vorbilder ?

Im Kulturleben der Provence aber das unterliegt nun keinem Zweifel besteht ein innerer Kausalzusammenhang zwischen der Blüte des Frauendiensts und Minnesangs und zwischen dem Durchbruch der waldensischen und verschiedener anderer Ketzereien. Auf den ersten Blick freilich verwundert man sich zu sehen, wie die entsagungsvolle Lehre des Petrus Waldus, und gar die finstere, orientalisch gefärbte Askese der Katharer gerade auf dem zivilisiertesten Fleckchen Europas, in der lachenden Provence, am besten gedieh, wie „in derselben Sprache, in der die neue Muse von Rittern, von Waffen und Liebe sang, eine ernstere Stimme von Fasten und von Enthaltsamkeit predigte, die Ehe als etwas Schändliches verdammte und mit wildem Haß die Welt verachten lehrte als das Geschöpf eines bösartigen Gottes“. Und dennoch ist es ein und derselbe Drang nach innerer Selbständigkeit, ein und derselbe Frühlingssturm protestantischen Geistes, der den Ketzer zum Scheiterhaufen,

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